Bessere Zeiten Festival 2

02.09.2006

Jetzt sind sie kaputt. Wie schade. Wir haben sie kaputt gemacht und es tut uns kein Stück leid. Nun sind sie ohnehin kaputt...die Grenzen in Euren Köpfen.

Neun Stunden prügelten zehn Bands, mit unterschiedlichsten Mitteln auf Euer Stilempfinden ein. Sie brüllten, trommelten, schrieen und sangen und spielten sich in Eure Köpfe und in Eure Beine. Ich habe DICH gesehen - Du hast getanzt! ...und hey, es sah gut aus. DU sahst gut aus!

Ich kann mich einfach nicht entscheiden, wo Du besser aussahst...beim headbangen, beim tanzen oder als Du zum HipHop deine Hüfte geschwungen hast. Ist eigentlich egal, DU sahst bei allem so gut aus, dass ich Dich genau so in Erinnerung behalten werde...

Hier - in der offiziellen Version - (das heißt natürlich, dass es noch ne inoffizielle gibt) wollen wir hauptsächlich den Teil beleuchten der vor und auf der Bühne stattfand und daher fange ich gleich 15 Uhr mit...

...Vain:Trash an. Verdammt ist es ein schweres Ding Nachmittags um Drei auf ne Bühne zu steigen und das recht locker verteilte und motivierte Publikum von der eigenen Musik zu überzeugen. Das fetzt glaub ich, nicht wirklich aus allen Betrachtungsweisen. Aus unserer - irgendwie müssen wir ja anfangen - Betrachtungsweise, sollte es allerdings 15 Uhr starten und das wird jede Band bestätigen, wenn der Martin (Stagemanager) irgendwas kann, ist es diese fiese, große, weiße, stetig tickende Uhr auf der Bühne abzulesen. Der Posten ist klar, das Los auch aber Vain:Trash sind große Jungs und machen locker das Beste daraus. Die jungen Alternativ-Rocker machten ihre Sache irre gut und dass zuerst die Tische und Bänke an den Bierwagen besetzt wurden und nicht der Bereich vor der Bühne, erscheint ihnen wohl auch logisch, weshalb man nicht den Einruck hatte, als würde sie das beeinflussen. Vain:Trash rocken kräftig ab und ich denke, gerade durch die außergewöhnlich angenehme Stimme des Sängers, mit dem Pseudonym Ricadilly Vain und eingängig melodiösen Songs wie "Rock´nRoll Rodeo", werden wir uns an Vain:Trash wohl durchaus noch ein Weilchen erfreuen dürfen. Wer sie nicht gesehen hat, weil er noch müde war oder einfach am Bierstand stand (das bedürfte dann noch einer kleinen Kurzsichtigkeit), sollte dringenst mal auf eins der nächsten Konzerte gehen. Eins ist klar, diese Band rockt auch außerhalb der Kaffee-und-Kuchen-Zeit.

Die zweiten im Bunde sind Psychonoise - Punkrock aus Gera. Wie kündigt man eine Band an, deren Album sich "unbestuhlt" nennt oder auch "Erbrochenes mal anders"? Keine Angst, PSN sind keine durchgeknallte Knorkator-Cover-Band, welche stockbesoffen mit Windeln über die Bühne kriecht. Sie haben halt nur ein Vaible für aussagekräftige Betitelung. In den Songs der 4 Geraer geht es auch nicht um den Umgang mit Fäkalien, wobei gleich klar wird, was sie ScheiXXX finden und was nicht. Die Jungs reden halt nicht drumrum und Feingefühl, rhetorische Ausgefeiltheit und blumige Umschreibung gehen halt häufig zu Lasten der Aussage. "Good night, white pride" braucht man nicht erklären, nicht umformulieren und differenzieren. So scheppert der Punkrock der Vier aus den Boxen über die Wiese. Ein wenig seltsam ist allerdings, dass zu diesem Zeitpunkt mehr Leute (vorwiegend potentielles Zielpublikum für PSN) vor dem Gelände auf der Wiese saßen, als auf dem Festival-Gelände. Leute, das ist kostenlos, gratis, für Lau, frei von Beiträgen, für Umme, umsonst, gebührenfrei, geschenkt, für nix, unentgeltlich - man gibt dem Mann am Zaun kein Geld und bekommt trotzdem Einlass dafür - das kost nix, da mussmer nüscht hingeben, blechen, bezahlen, abdrücken, ´n Fuffi in´dn Klub schmeißen, berappen, vergüten...kommt doch halt einfach rein. Wie auch immer - PSN rockt und was nicht rockt ist für den Arsch - dies ist das Bandmotto und mehr braucht nicht gesagt zu werden.

Chervil aus Dresden sind heute die einzige Band mit einer Frau am Gesang. Fünf gutaussehende Junge Herren und eine unglaublich gut aussehende junge Dame, schicken sich an, uns zu zeigen, dass man in der Musik nicht ausschließlich mit dem Vorschlaghammer vorgehen kann, sondern auf subtilere Art und Weise ebenfalls erfolgreich das Publikum fesselt. Dass es sich bei Chervil um eine Band handelt, die hauptsächlich von der Stimme der Sängerin (nicht von der Sängerin selbst - die Arme) getragen wird, ist unnötig zu erwähnen. Die Musik ist alles in Allem Rock, welcher von Poprock, Blues, Jazz bis zu harten Elementen, ungefähr alles beinhaltet, was die Palette der Rockmusik so hergibt. Bei Chervil merkt man auch die steigende Aufmerksamkeit des "gesetzteren" Publikums und weiß, dass ich mich damit gerade um Kopf und Kragen schreibe... Eine sehr feine Band, die auch die leiseren Töne durchaus hörbar rüberbringen.

Die Stylerkings sind nun auch keine Leisetreter. Hip Hop ist immer so eine Sache für das Publikum. Wenn man eigentlich kein HipHopper ist, darf es keiner wissen, wenn man es gut findet und in der hellen Öffentlichkeit des frühen Abends schon gar nicht. Einigen Leuten war allerdings scheißegal, was dieser und jener darüber denkt und blieben erstmal an Ort und Stelle - man weiß ja nie, was passiert. Bei den Stylerkings passiert eine ganze Menge auf der Bühne. Text- und Taktsichere Gereimtheiten aus Leipzig sind nicht wirklich selten, aber um auf das Niveau der Stylerkings zu kommen, muss Sido wahrscheinlich noch ein paar Fuffis in den Klub schmeißen und würde dabei immer noch alt aussehen. Die zwei Rapper Patrick 23 und Bauer und der Tellerdreher DJ Shema wissen nämlich sehr genau wo der Hammer hängt (ich könnt euch sagen wo) und besingen alles und jeden. Speziell bei Songs über knackige Frauenpo´s ist es auch dem heftigsten Nihilisten nicht möglich ein ernstes Gesicht zu machen. Das braucht er auch nicht - wie wir bereits in der Moderation erwähnten - Lachen erfordert weniger Gesichtsmuskeln als finster gucken, sieht besser aus und schüttet Endorphine in den Körper aus und stärkt damit eure Abwehrkräfte - ihr seht, wir wollen nur euer Bestes. Ihr Bestes gaben die drei Könige in der Tat und ich kann die Scheibe "Die Ära beginnt" nur empfehlen...mir ist es nämlich keine Sekunde unangenehm das jedem zu erzählen.

Über Nevamind hab ich alles bereits gesagt, was es zu sagen gibt. Ich hab sie über den Klee gelobt und mindestens tausend Leuten die neue Scheibe "Evolution" empfohlen...und das zu Recht. Erneut bewiesen die Jungs das sie "...wissen wo der Bär die Eier hat...". Das weiß ich zwar auch, bin aber zu höflich es zu sagen. Besonders auffällig ist die äußerst situationskomische Kommunikation, welche Nevamind auf der Bühne pflegen...scheinbar als sind sie jeden Tag da, agieren sie locker und dennoch energisch, sprechen die Leute im Publikum direkt an und machen auch sonst nicht den Eindruck übertriebenen Lampenfiebers - ein saucooler Auftritt. Ich bin froh, dass ich ihn mir direkt von der Bühne aus anschauen durfte, so kann ich - wie untypisch für mich - mal die Arbeit des Drummers begutachten und hervorheben. Nicht dass ich jetzt mit Fachwissen brillieren könnte, aber ich sag euch was ...der nüschelt ja in einer affenartigen Geschwindigkeit auf den Trommeln rum, das geht auf keine Kuhhaut. Eins kann man vielleicht erwähnen. In unserer Recherche zur Moderation hatten wir eine Rubrik, welche sich "Wort zum Sonntag" nannte und bei Nevamind stand dort: "Fokuhila ist (immer noch) keine Frisur". Amen!

Blossom sind Partygaranten! Bereits im zweiten Jahr - letztes als Headliner, dieses Jahr im Mittelfeld - spielen Blossom auf dem Bessere Zeiten-Festival. Letztes Jahr waren die Ska-Punk-Rocker für etliche Quadratmeter zerstörte Wiese verantwortlich und auch in diesem Jahr drücken sie genau 18:45 Uhr den On-Button am Rücken des Publikums. Wie automatisch beginnt mit dem ersten Ton der Band die Party, bei der alle anderen nur fassungslos staunen. Wie die das machen? Kann ich euch sagen...ein bissel Ska, ein bissel Punkrock, hier und da ne kleine Briese Jazz- und Blueseinflüsse, das alles spielt man, als hätte man nie was anderes gemacht und würde auch nix anderes machen wollen und schon passt das - klingt ein wenig zu einfach. Seit neuestem mit Keyboard verstärkt, war ich auch durch die Anwesenheit des hauptamtlichen Metal-Gitarristen Sebastian Hupfer überrascht, welcher die Backroundvocals abdeckte. So ist die Band mit ihren drei Bläserinnen, wenn ich richtig gezählt hab zu 8. Nicht schlecht. Neben ihren Gassenhauern spielten Blossom auch einige neue Stücke und ich denke auch hier darf man getrost mit Spannung auf das nächste Album warten.

Besonders leicht hatten es Nova Spes dann natürlich nicht. Mit zwei Mann starkem Elektropop ist es schwer gegen eine 8 Mann-Ska-Invasion ankämpfen. Die Umbaupause war zwar kurz, reichte aber scheinbar doch aus, um sich möglichst weit weg von der Bühne zu positionieren. Nein, nein, so schlimm war es definitiv nicht, aber nach der Tanzparty von Blossom und ihren Fans, wirkte das natürlich sehr unmotivierend auf Band und Publikum. Speziell Hauptsänger Mathias versuchte alles um das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Redete mit dem Publikum, erzählte kleine Anekdoten und gab sich auch sonst die allergrößte Mühe, so dass es zum Ende doch noch etwas vorwärts ging. Zugegebenermaßen war es sicher aus Sicht der Band auch unverständlich an dieser Stelle zu spielen, aber mal ehrlich, einer musses ja machen. Prinzipiell konnten Nova Spes durchaus gute Reaktionen für sich verbuchen und die Meinungen gingen höchstens geschmacklich auseinander. Überhaupt war wesentlich weniger schwarzes Publikum anwesend und wesentlich mehr Rock/Metal/Punk, was an sich kein Problem ist, man sollte uns nur vorher sagen, wer kommt, dann können wir die Reihenfolge dementsprechend anpassen...neee, ist nur´n Witz.

Inroad hatten es zwar auch nicht soooo leicht, gingen aber von Beginn an so dermaßen ab wie ein Zäpfchen, dass es überhaupt nicht möglich war, wegzugehen und nicht hinzusehen. Sie prügelten ihre Crossover/HC-Songs in die Menge, dass man sich das einfach reinziehen musste. Besonders mit der Einladung eines gewissen Locke, der wohl ehemals bei Ton Stein Scherben rockte, zog man mal schön einen vom Leder. Davon mal abgesehen, dass ich nicht erkannt hätte, was der Mann für eine Bedeutung hat, oder auch nicht, schien der Rest der Festwiese zu wissen um wen es sich handelt und der gemeinsame Song der schönen Grimmaerin und des Altrockers wurde abgefeiert. Das der gute Mann auf die Forderungen, die Hose runterzulassen allein seine Heckansicht präsentierte, stimmt mich immer noch sentimental dankbar...eine geübte Handhabung seinerseits, sorgte dafür dass wir auf der Bühne ebenfalls nicht mehr sahen - nur falls sich da gerade jemand für interessierte. Ein sehr feines Konzert, mit vielen Botschaften zu mit nach Hause nehmen oder zum gleich verdauen.

Zum gleich verdauen gabs dann auch noch ne Runde HipHop. Dieses mal standen schon wesentlich mehr Leute vor der Bühne und die Rhymeaddicz feierten sich nicht nur selbst, sondern wurden auch gefeiert. Obwohl sie die jüngste Band des Abends waren, hatten sie natürlich ein wenig nachzulegen und ließen auch von der ersten Minute an nichts anbrennen. Dass ein wenig Aufregung mitspielte, konnte man allenfalls von der Bühne aus erkennen, aber nach unten wurde schnell und frech - in den Ansagen schon aufs gemischte Publikum achtend - agiert. Dass im Publikum nicht nur Hip Hopper standen, brauch ich vermutlich nicht weiter zu erwähnen...Besonders erwähnenswert bei HipHop-Sachen finde ich es immer, wenn sie sich scheinbar spontan zu Songs zusammenschmeißen und diese dann präsentieren, als hätten sie es 10 Jahre lang geprobt. Ich weiß, dass es sicher weder spontan, noch ewig geprobt ist aber interessanter als eine durch -choreographierte Show ist es allemal. Mui bien my man!

Die Band, auf die mindestens die Hälfte des gesamten Tagespublikums gewartet hat, scheißt auf Choreographie...und auf Brause...auf leise... Draist Avagnon haben sicher in den letzten beiden Jahren einen der größten Sprünge gemacht, die ich bisher gesehen hab. Sie haben vom ersten Tag in Leipzig einen neuen Wind in die Metalszene gebracht und sind zu recht eine der angesagtesten Metalcombos in Leipzig. Bereits vor dem Gig zeigt Christian Drewes alias Jan Soor, dass diese Band nicht dem Prädikat normal entsprich. Mit Ansagen wie "Ich muss schon wieder schxxxen. Ach na ja, das interessiert eh kein Schwein" oder "Mann wär das cool gewesen, wenn ich jetzt die Überleitung gekriegt hätte", wird gezeigt, dass diese Band genau richtig ist, dort wo sie steht - mitten auf der Bühne. Dort fühlen sie sich wohl, sind sie zu Hause. Es wäre aber unrecht, die 5 Draist Avagnon´s auf die Entertainerqualitäten ihres, gesanglich sicheren und begabten, Frontmanns zu reduzieren. Die Band spielt zusammen, als gäbe es nichts anderes in ihrem Leben. Agil, dass sich die Bühnebretter biegen rocken sie "some new shit" und "some new old shit" in die Menge und Gassenhauer wie "FYFQ" oder "Born to be Gina Wild" brechen alle Hemmungen der Gäste ebenso, wie die neuen Stücke. Selbst die Gäste der Rhymeaddicz standen teilweise noch in er ersten Reihe und schüttelten wild ihr Haupthaar - was mit Afro übrigens unglaublich geil aussieht...bitte mehr davon. Auch an der Setlist konnte man abhören, dass sich die Band von einer spaßorientieren Heavy Metal-Band zu einer teilweise äußerst heftigen Hardwurstkapelle entwickelt, deren Hooklines einem die Rübe runterreißen und deren Refrains Mitgrölcharakter haben. Nebenbei gehören Draist Avagnon zu den sympathischsten Metalkollegen, die man sich vorstellen kann. Zum Abschluss würde ich gern noch ein zugegeben beschnittenes Zitat von Jan Soor wiedergeben: Nehm verdammt noch mal nicht alles so ernst - das Leben ist ernst genug! Amen!

Das zweite "Bessere Zeiten"-Festival ist für uns, die Veranstalter ein voller Erfolg gewesen. Woran wir das messen? Daran, dass erneut einige tausend Menschen kamen und sich den Nachwuchs aus Leipzig und Umgebung anschauten anstatt sich vom Mainstream berieseln zu lassen...und daran, dass Ihr viel besser dabei ausseht.

"Die Körper wären nicht schön, wenn sie sich nicht bewegten." (Johannes Keppler)

Mit freundlichen Grüßen

Stefan BC-Team